Der Wasserfall von Partschins

So viel er in den Policen sieht, sind schon Schäden bis fünf Millionen versichert. Aber das wird den Aufwand sicher nicht decken. Allein das Weiße Kreuz, die Feuerwehr und die Carabinieri, werden um die drei Millionen fordern. Das Krankenhaus sicher einen ähnlichen Betrag. Jetzt wird es schwierig.

„Ist das die einzige Versicherung?“, fragt Hartmut.

Maria überlegt. Eigentlich sind noch Unfallversicherungen für Jeden da. Die fragt Gloria, ob sie von den Versicherungen weiß. Gloria antwortet Ihr. Sie hat bereits Anschreiben der Versicherungen erhalten. Alle Schadensmeldungen haben das Haus verlassen. Die Lebensversicherungen regeln den Unfall. Für Günter ist eine Rente vorgesehen. Bescheiden. Aber die Rente wird von der Krankenversicherung und von einer Unfallversicherung noch ergänzt. Günter lebt also von drei Versicherungen.

„Mir geht es eher um die Abwicklung der Schäden, die unsere Kinder angerichtet haben.“

Gloria ist sich nicht ganz sicher. Darüber besitzt sie keine Informationen. Trotzdem sich die Versicherungen meldeten. Beide sprechen ab, das zu regeln. Das Geld von Karins Lebens-, Haftpflicht- und Unfallversicherung, möchte Gloria zur Regulierung des Schadens einsetzen.

Werner und Karin sollen von Nikolaus, auf dem Friedhof in Partschins, beigesetzt werden. Nikolaus findet das etwas ungewöhnlich. Das würde auch sehr viel Bürokratie verursachen.

Gloria und Maria scheinen Abstand zu nehmen von ihrem Vorhaben.

„Die gesegnete Erde ist stets die Heimaterde“, sagt er zu Maria und Gloria.

„Sie haben schon Recht. Unsere Großeltern liegen auch nicht in der Heimaterde.“

„Wir haben keinen Krieg“, antwortet Nikolaus.

„Hier nicht“, entgegnet Gloria. „Trotzdem befinden wir uns im Krieg.“

„Das schweift etwas sehr weit vom Thema ab. Die jungen Leute sind hier bei einem unüberlegten, sehr riskanten Abenteuer gestorben. Wie bei einem Auto- oder Motorradunglück.“

„Sie haben Recht. Wir werden unsere Kinder zu Hause begraben. Das haben sie doch verdient.“

„Ich habe fast das Gefühl, sie wollten sich mit der Grabstätte hier, etwas von der örtlichen Kritik zu Hause entfernen.“

„Ehrlich gesagt. Das war mein Anliegen. An ihrem Grab wird sicher über sie schlecht geredet.“

„Das schon. Aber das wird auch eine Warnung an nachfolgende Hitzköpfe.“

„Stimmt. Hoffen wir, die Warnung greift.“

„Das sehe ich etwas skeptisch. Gerade in Hinblick auf unsere Straßen und Berge. Es gibt wahrscheinlich nichts mehr, was unseren jungen Leuten das Kribbeln im Bauch verursacht.“

„Verstehe.“

„Die Jugend braucht konkrete Ziele und Aufgaben“, warnt Pfarrer Nikolaus. „Das ist die Aufgabe der Eltern.“

„Wir sind in dem Zusammenhang ziemlich machtlos.“

„Eben nicht. Sie haben oder hatten mit ihrem Wohlstand reichlich Einfluss. Und den haben sie nicht genutzt. Gerade dieser Wohlstand verleitet die Jugendlichen der entsprechenden Familien zu überheblichen Abenteuern und Sportarten. Die Kinder der ärmeren Familien sterben auf Arbeit oder dem Weg dahin.“

Diese Kritik scheint zu wirken. Gloria und Maria weinen. Nikolaus reicht Taschentücher aus. Offensichtlich hat er in den Taschen seines Talars reichlich Vorrat davon. Seine mahnenden Worte in Form einer sehr deutlichen, klaren und eindringlichen Stimme, zeigen wie scheint – oft Wirkung.

Familie Patroner spricht bei Andreas auf der Gemeinde vor. Papa Dominik hat eine Rechnung in der Hand.

„Ich habe den Schaden an unseren Wegen und der Weide zusammen gestellt.“

Andreas, wie immer, sehr freundlich, nimmt die Post entgegen.

„Ich gebe es Hartmut. Der kümmert sich.“

Dominik verlässt die Gemeindestube rückwärts wie einen Schrein. Mit dankenden Verbeugungen.

Der Wasserfall von Partschins

Gustl war ein Held. Er hat vielen Menschen am Berg geholfen. Oft zusammen mit Rudi aus Naturns. Aber auch mit anderen Freunden des Alpenvereins.

Maria und Edmund möchten gern im Ort bleiben. Sie möchten hier ein Haus kaufen, um Werner und Beate nahe zu sein. Darüber sprechen sie mit Marianne. Marianne soll ihnen helfen, eine Bleibe zu finden.

Friedl hat einen Vorschlag für das Gespräch. Seine Mutter lebt allein im Haus.

„Wir holen Mama zu uns und verkaufen Maria das Haus.“

Marianne ist nicht direkt begeistert von dem Vorschlag; aber er klingt interessant. Edmund gefällt der Vorschlag. Er würde zu gern in der Gemeinde bleiben, um seinen zukünftigen Mitbürgern als auch Gustl zu danken. Nach relativ langen Gesprächen, gibt Marianne ihr Jawort.

Friedl‘s Mama zieht zur Familie. Hier hat sie es bedeutend schöner und etwas bequemer.

„Ich sage dann Helene – Bescheid.“

„Rolf, Pawel und Andreas können beim Umzug helfen.“

Marianne beginnt schon wieder voll mit der Organisation des Betriebes. Die Ablenkung scheint ihr gut zu tun.

Helene kommt bei Marianne an. Sie bekommt einen Empfang der ganzen Mannschaft.

„Ich möchte trotzdem etwas mit Helfen“, sagt sie zu Marianne. „Am liebsten in der Küche.“

Marianne fällt ein Stein vom Herzen. Endlich hat sie eine Oma im Haus, dies ich um den Kräutergarten und die Küche kümmert. Friedl bringt noch etwas Küchentechnik aus dem Haus.

Die Deutschen möchten gern die Möbel mit übernehmen. Friedl und seine Helene sind einverstanden. Unter einer Bedingung. Sie dürfen die Möbel nicht verkaufen. Sie bleiben Eigentum von Friedl. Die Familie verspricht, sorgsam damit umzugehen. Helene ist noch mit echtem Südtiroler Möbel eingerichtet. Sie konnte das über den Krieg retten. Das Möbel hat sie der Gemeinde versprochen. Hartmut hat das bereits eingeplant für ein Gemeindemuseum. Er möchte den Besuchern und Gästen zeigen, wie die Rabländer früher wohnten. Eigentlich war dafür Helenes Haus vorgesehen. Es gibt aber noch andere Häuser, die dafür in Frage kämen. Rabland zählt immerhin zu den Gemeinden, die sehr viel Urtümliches erhalten haben. Und das soll ein besonderer Anziehungspunkt sein.

Andreas und Hartmut haben jetzt die Aufgabe, den Schaden zusammen zu rechnen. Die Forderung soll an die Versicherung der Familien der jungen Leute übergeben werden.

Die Carabinieri haben bereits das Schadenprotokoll bereitet. Die Feuerwehr auch. Der örtliche Bauhof fehlt noch. Das liegt in den Händen Hartmuts und Gottfrieds. Selbst Nikolaus hat eine Rechnung geschrieben. Bei der Entnahme des Zaunfeldes ist etwas Schaden entstanden.

Die Rechnungen gehen zuerst an Maria und Edmund. Mittlerweile weiß Jeder im Ort, die haben das Geld, um den Schaden zu begleichen.

Eigentlich könnten sie das unbürokratisch mit Maria regeln. Sie ist der Anlaufpunkt.

Bei Marianne findet die Versammlung statt.

Zuerst möchte Hartmut heraus bekommen, was denn überhaupt versichert ist. Edmund hat die Policen mit gebracht.

Ossimigranten – Karin

Karin fackelt nicht lange. Sie zieht sich aus und springt ins Wasser. Loisl würde ihr sofort folgen. Aber als echter Almbewohner, scheut er sich etwas vor Wasser in der Form.

„Komm rein“,, ruft Karin. „Ich habe nichts an.“

Loisl geht gerade der James Bond – Film: „Der Mann mit dem Goldenen Colt“ durch den Kopf, als Francoise Therry in Person – Haschmich, ihn zum Baden einlud. Ähnlich des James Bond, wird auch Loisl unsanft geweckt. Erna steht nicht hinter ihm. Aber zwei Hausgäste.

„Können sie uns mit auf die Alm nehmen?“

Im Nu verwandelt sich seine Hose in ein Grab.

„Wenn Karin fertig ist, gerne. Komfortabel ist es aber nicht bei mir.“

Den zwei Hausgästen ist das egal. Die sind fertig mit ihrem Wandertraum.

„Wir haben über die Alm geschaut und leicht die echten Entfernungen unterschätzt.“

„Sie sind nicht die Ersten.“

Loisl‘s Quad ist aber für den Transport bestens geeignet.

Karin scheint keine Hemmungen zu haben, nackt aus dem Wasser zu steigen.

„Das Wasser ist gut. Der Teich auch. Ein feiner Platz.“

Loisl hilft ihr beim Abtrocknen. Karin nutzt ihr Nicki dafür. Die Windbluse reicht für die Rückfahrt. Erna fällt fast aus den Wolken beim Anblick Karins. Die Anwesenheit der Gäste verhindert einen Wutausbruch. Der innere Zorn ist trotzdem sichtbar.

„Das Abendessen beginnt neunzehn Uhr“, sagt sie recht schroff.

Karin senkt den Kopf etwas. Obwohl sie an dem Umstand keinerlei Schuld verspürt.

Ihre Familie ist schon auf dem Zimmer.

„Wo warst du?“, fragt Helga.

„Baden. Wir haben einen sehr schönen Weiher.“

Die gesamte Familie ist interessiert.

„Es gibt sogar Karpfen hier.“

Das scheint die Nachricht für die totale Begeisterung zu sein. Es fehlt an Nichts.

Rolf muss mit Egon noch einmal in die Werkstatt. Der Balkenmäher benötigt eine Reparatur. Loisl geht mit. Er will sich das anschauen. Dabei fällt ein sehr wichtiges Wort Loisl‘s.

„Ich würde euch gern für immer hier sehen. Im Ort habe ich ein Häuschen. Das gebe ich euch.“

„Gekauft?“, fragt Egon.

„Gern. Ich mach euch einen guten Preis.“

„Können wir das Haus sehen?“

„Wir fahren morgen zusammen da hin.“

Die Nachricht schlägt ein wie ein Blitz. Die Zwei können es kaum glauben. Alle dachten, sie müssen weiter ziehen, um einen Wohnsitz zu finden. Ausgerechnet Loisl scheint die Erfüllung zu sein.

Loisl macht das aber nicht ohne Hintergedanken. Er spekuliert etwas auf Karin.

Karin ihrerseits, hat aber bei den Wochenendgästen, Kontakte geknüpft. Mit hübschen jungen Männern der Gegend. Das verrät sie aber nicht. Loisl würde vielleicht das Arbeitsverhältnis beenden. Befürchtet sie.

Gleichzeitig möchte sie aber der Familie den Platz nicht verderben.

Nach der Reparatur, kommen die zwei wieder ins Zimmer. Sie offenbaren das Angebot Loisl‘s.

Die Freude ist riesig. Helga hingegen, spricht in etwa die gleichen Gedanken aus, die Karin hat. Das Wort – Harem macht die Runde. Helga vermutet, Loisl möchte sich einen Harem aufbauen.

Am kommenden Morgen wird den Frauen aber klar, sie haben sich teilweise geirrt. Loisl spekuliert auf etwas Anders. Sein Sohn kommt in ein paar Tagen zu den Semesterferien. Er möchte die Zwei verkuppeln. Lutz soll der Nachfolger werden. Und Karin wäre dafür die passende Frau. Und seine Geliebte. Denkt er.

Alles in Familie und dazu, kurze Wege.

Ossimigranten – Karin

Das Cover ist übrigens vom Weiher in Rabland

Mit der Saison, kommt natürlich auch das schöne Wetter. Karin nutzt das Wetter zum Sonnenbaden. Am liebsten wäre ihr FKK. FKK war in der DDR der Ausdruck für Freikörperkultur. Sprich, für das Baden ohne Klamotten. Nackt. In der DDR war das ziemlich beliebt. Dem FKK konnte man an allen Orten nachgehen. Also auch an Binnenseen, Badeteichen und auf dem Balkon. Öffentliches Ärgernis erregte das in der DDR kaum. Eher Neugierde.

Karin ging sehr oft an einen alten Tagebau, der zu einem stattlichen Badesee umgebaut wurde. Dort konnte sie natürlich mit ihren Freunden zusammen, nackt baden. Nackt Baden ist natürlich die Werbung um einen Partner mittels unverpackter, unveränderter Tatsachen. Die Jugend nutzt die Gelegenheit, sich auf diese Art einen Partner zu suchen. Bevor sich der Jugendliche einer geschminkten, praktisch verborgenen Partnerschaft anschloss, war ihm das auf alle Fälle lieber. Die Katze war nicht im Sack. Sie stand in voller Blüte vor dem Interessenten. Mit Narben, blauen Flecken und anderen kleinen Gebrechlichkeiten. Nichts ließ sich verbergen. Vor allem dann nicht, wenn der betreffende Körper von einer wunderschönen Proportion gesegnet war. Karin gehörte zu den Glücklichen. Bis jetzt durfte sie feststellen, bringt das nicht nur Vorteile. Im Gegenteil. Das ist die Ursache übelster Erpressungsversuche und Belästigungen. Bei der Auswertung des bisherigen Lebens, ergaben sich genau zwei Wege für Karin. Entweder als Arbeiterin oder als Nutte das weitere Leben gestalten. Nutte ist zwar ein recht einfacher Weg. Aber leider in Abhängigkeit. Karin weiß, die zweite Möglichkeit ist zwar auch eine Form der Abhängigkeit, aber eine mit Fluchtkorridoren.

„Gibt es bei uns hier Bademöglichkeiten?“, fragt sie Loisl. Loisl bekommt sofort spitze Ohren bei der Frage.

„Aber natürlich. Wir haben einen kleinen Weiher.“

In Trockenzeiten nutzt Loisl den Weiher als Wasserreserve. Sein Papa hat den Weiher angelegt. Darin hat er auch ein paar Fische ausgesetzt. Graskarpfen. Die sollen das Wuchern diverser Gräser verhindern. Bisher scheint das gut zu funktionieren.

„Kann ich den Weiher sehen?“

„Wir fahren gleich mal hin in der Pause.“

Mit der Pause meint er die Zeit nach den Gästeaufkommen. Sprich, zum Feierabend. Die Alm hat bis siebzehn Uhr geöffnet. Ab dann, bedienen sie nur noch Hausgäste. Der Lift wird abgestellt. Der Lift hilft der Familie, die gesetzlichen Arbeitszeiten einzuhalten. Polizeistunde per Lift. Ein Massenlager hilft den Wirtsleuten, Verirrten eine Notunterkunft zustellen. Verirrte sind Diejenigen, die den letzten Lift verpassen. Zu Fuß von der Alm zu kommen, ist nahezu unmöglich.

Loisl und Karin sind am Weiher angekommen. Loisl scheint gleich Lust zu bekommen. Der Weiher ist tatsächlich ziemlich versteckt. Trotzdem hören die Zwei – Stimmen. Karin fällt ein Stein vom Herzen. Obwohl sie Loisl an sich mag. Ihr gefällt seine einfache, direkte Art. Sie kann sich bei Loisl keine Geheimnisse vorstellen.

„Das ist unser Bad. Sonnen kann man hier sehr gut. Es gibt aber Mücken hier.“

Karin bemerkt Loisl‘s Begeisterung.

„Wir baden immer FKK. Das scheint ein guter Platz dafür zu sein.“

„Was ist FKK?“

„Nacktbaden.“

Loisl dreht fast durch bei der Vorstellung.

„Das Wasser ist aber ziemlich frisch hier.“

„Um so besser“, gesteht Karin.

Loisl gehen gerade die Eindrücke durch den Kopf, die kaltes Wasser auf Frauenbrüsten erzeugen.

Der Wasserfall von Partschins

Die Kirchenglocken läuten. Alle Gäste von Marianne, die Familienangehörigen und Retter, gehen geschlossen, langsam als Trauermarsch, die Gemeinde herunter. Auch die Väter samt einigen Beschäftigten, die angereist sind. Nachbarn schließen sich an. Sie möchten Gustl und Marianne den Respekt bekunden. Friedl wird von Marianne und Anuschka in die Mitte genommen und teilweise geführt. Wegen der Schwellungen im Gesicht, kann er nur behindert sehen. Er wollte trotzdem gern nach Unten laufen. Das ist er seinem Freund und Kameraden schuldig. Denkt er. Vor der Kirche sammelt sich inzwischen eine recht große Menschenmenge. Die Parkplätze und Straßen füllen sich mit Autos aus den Nachbargemeinden. Gustl und Marianne haben einen sehr guten Ruf. Toni kommt in Begleitung Monikas und den Freunden der Fraktion Aschbach. Vor der Kirche wird schon Trauermusik gespielt. Gabriel betätigt die Feuerwehrsirene, fast rhythmisch. Wie bei einem Fliegeralarm. Janik und Oskar kommen zum Friedhof mit Krücken gehumpelt. Janik hat einen Gipsarm.

In seiner Trauerrede bedauert Nikolaus die Opfer der Gemeinde zuerst. Ganz bewusst. Er kritisiert sehr schwer die jungen Leute der Seilschaft. Wegen ihnen hat die Gemeinde wertvolle Mitglieder verloren. Danach segnet er die Verunglückten jungen Leute mit dem Hinweis, sie hätten eher vorher seinen Segen abholen sollen. Er hätte ihnen das Vorhaben ausgeredet. Sagt er. Maria weint wie der örtliche Wasserfall. Nikolaus redet von Erziehung. Von geistiger Verarmung. Von Langeweile. Von Abenteuerlust. Alles verpackt in teilweise vorwurfsvolle Verse. Alle verstehen ihn. Das wirkt auch. Zu spät. Friedl würde ihm für die Verse – Applaus geben. Er nickt fortwährend. Friedl kann kaum reden. Niemand würde ihn verstehen. Toni springt für ihn ein.

„Die wahre Trauer kommt noch“, sagt er der Trauergemeinde. „Firmen und Existenzen sind kaputt. Die Nachfolger sind vor ihren Eltern gestorben. Der Schaden in der Gemeinde ist mehr als nur beträchtlich. Ich bitte unsere Gemeinde, den Zugang zum Wasserfall zu sperren.“

„Wir werden die Zugänge noch intensiver sperren“, verspricht Dominik Patroner.

„Das muss aber Jemand bezahlen“, ergänzt Mama – Crista.

Siglinde vom Wasserfallblick verspricht, sich zu melden, wenn sie ähnliche Vorhaben bemerkt. Sie gesteht wie Marianne, das nicht verhindert zu haben. Obwohl sie schon bemerkten, was die jungen Leute vorhaben.

Nach der Trauerkundgebung auf dem Friedhof, begibt sich die Trauergemeinde fast geschlossen hinauf zu Marianne.

Nach zwölf Wochen kann Günter mit einem künstlichen Becken samt Gelenk und einem Gehstock wieder laufen. Er schiebt seine Beate im Rollstuhl. Beate ist einseitig gelähmt. Sie kommen Marianne besuchen. Friedl empfängt sie. Er sieht gut aus. Seine Narben im Gesicht hat er mit einem Bart verdeckt.

„Rasieren funktioniert nicht mehr“, sagt er zur Begrüßung.

Maria hat ihre Anteile an den fünf Autohäusern verkauft. An ihre Familie. Sie bekommt jetzt von der Familie die Rente. Alle Schulden sind bezahlt. Maria kommt mit einem polnischen Pfleger. Sie ist wegen dem Schock jetzt sehr behindert.

Vor dem Haus steht eine geschnitzte Figur. Gustl. Eine angebrachte Kupfertafel gibt den Kurzlebenslauf bekannt.

Unfall im Wasserfall von Partschins

Die Einarbeitung der neuen Kräfte dauerte etwa eine Woche. Mittlerweile kennt sie Andreas von der Gemeinde persönlich. Hartmut war schon mehrmals bei Marianne. Auch Silvio, der Carabiniero.

„Das Zimmer ist zu klein für alle Bewohner“, stellte er fest. Marianne hat sofort reagiert. Andreas hat zusammen mit Pawel und Rolf den Schober ausgebaut. Die Familie hat jetzt eine eigene Wohnung. Hartmut konnte das Staunen kaum verbergen. Wegen der Schnelligkeit beim Ausbau. Offensichtlich hatte das Marianne schon geplant. Oder sogar Gustl. Gustl hatte schon lange vor, das Anwesen etwas zu vergrößern. Er wollte Obst anbauen. Keine Äpfel. Kirschen, Zwetschgen und diverse andere Obstsorten. Auch Gemüse als Zwischenkultur. In Bioqualität. Er hatte vor, die Ernte in seinem Gasthof zu vermarkten. Damit versprach er sich höhere Einnahmen als auf Märkten. Genau für diesen Traum, werden die neuen Kollegen benötigt. Wenn Gustl das im Himmel hören würde. Ausgerechnet nach seinem Tod, wird sein Traum wahr.

Hartmut von der Gemeinde soll prüfen, ob Marianne ein Brennrecht bekommt. Sie plant, das eigene Obst und die Beeren in Weine und Brände zu verarbeiten. Die meisten Beeren lieben es halbschattig. Ihre Lage würde das ermöglichen. Die steile Lage. Das Wasser in der Nähe. Die zahlreichen Mitarbeiter.

Gloria und Maria kommen aus dem Krankenhaus – Meran wieder. Beate wurde jetzt nach Innsbruck gebracht. Die Spezialisten dort versuchen, ihr doch noch zu helfen. Beate ist transportfähig. Die Meraner konnten sie stabilisieren.

Zwei Drittel der italienischen Gäste sind abgereist. Es wird Platz für die Familienangehörigen der Opfer. Selbst Bernhard und seine Frau Sofia erscheinen. Bernhard hat sein Auto voller Kränze seiner Geschäftsfreunde mit. Bei ihnen Allen hat Rolf gearbeitet. Reichlich Spenden stecken in den Umschlägen der Trauerbriefe. Hauptsächlich für Gustl. Sie Alle kannten Gustl.

Für diese Woche ist die Trauerfeier angesagt. Andreas von der Gemeinde und Nikolaus der Pfarrer, haben die Trauerfeier organisiert. Der ganze Ort wird daran teilnehmen. Auch die Familien der Opfer. Marianne und ihre Helfer bereiten Alles vor. Die Frauen von Partschins möchten gern helfen. Die Feuerwehr übt bereits die Musik. Zumal sie selbst auch Verletzte zu beklagen hat.

Pfarrer Nikolaus hat eine Trauerrede vorbereitet. In dieser Rede übt er auch schwere Kritik an dem Vorhaben. Er beruft sich auf Günter. Der bereut bereits sehr schwer diese Seilschaft.

„Der Blödsinn hat mich zum Krüppel gemacht und mir meine Geliebte genommen.“

Fast täglich weint er um Karin und seine Beate. Er wirkt betroffener als ihre Eltern; scheint es.

Eine neue tragische Nachricht erreicht die Gruppe.

Julius, der Vater Günter und Karins, ist mit dem Auto tödlich verunglückt. Gloria verfällt in eine Starre, die dem Krankenhauspersonal in Meran schwere Sorgen bereitet. Maria versucht, sich um sie zu kümmern. Gloria wirkt wie abwesend. Fast, wie nach einem Herzschlag. Starr. Unbeweglich. Die Meraner Neurologen sind sehr besorgt.

Maria scheint den Verlust besser wegzustecken. Sie wirkt kräftig und kampfbereit. Sie sucht auch die Nähe von Marianne.

„Wir müssen unsere Verluste zusammen überwinden“, bietet sie Marianne an.

Marianne reagiert kaum darauf. Sie ist momentan zu sehr abgelenkt.

„Friedl und meine Kollegen kümmern sich um mich. Ich fühle mich dort gut aufgehoben. Wir haben viel Arbeit. Die hilft mir, Alles zu vergessen und in die Zukunft zu schauen.“

„Kann ich helfen?“

„Danke. Können wir ihnen helfen?“

„Ich bin Maria.“

Maria bietet das Du an.

„Marianne“, antwortet leicht abgelenkt – fast trocken. „Wie geht es mit ihrer Brauerei weiter?“

Maria wirkt dankbar für die Ablenkung. Sie wirkt aufgeregt. Fast schon überaktiv. Sie zupft am Tischtuch, an ihren Sachen und schaut oft in den Spiegel.

„Mit der Brauerei habe ich sicher keine Sorgen. Ich muss nur die Unfallursache Beates und Werners genau erfahren. Ich brauche die Protokolle aus dem Krankenhaus.“

„Die kann ich dir schicken. Andreas von der Gemeinde tut das auch. Die haben doch deine Adresse.“

„Ja. Aber ich muss trotzdem fahren.“

„Pawel hilft dir beim Packen. Oder soll er dich nach Hause fahren?“

„Das wäre mir lieber. Es kann auch ein Taxi sein. Zur Zeit bin ich ziemlich zerstreut. Fahren könnte ich jetzt nicht.“

Friedl kommt zu dem Gespräch dazu. Er sieht immer noch recht ramponiert aus.

„Friedl, ich danke ihnen für die Hilfe und ihren Einsatz. Schreiben sie mir bitte ihre Kontonummer auf. Ich überweise ihnen einhundert Tausend.“

„Ich bedanke mich herzlich. Sie können das auch an Marianne überweisen. Sie gibt es mir dann.“

„Sie werden das sicher noch brauchen. Die Versicherungen decken nicht Alles, glaube ich. Ich möchte auf diese Art den Schaden wieder gut machen.“

Maria wirkt fast berechnend bei der Äußerung.

„Wer wird denn nun die Brauerei weiter führen?“

„Außer Beate und Werner gibt es schon auch noch Familienmitglieder. Der Notar ist mein nächster Weg.“

„Was ist mit Gloria. Wer führt das Autohaus weiter?“

„Günter kann das sicher noch. Karin nicht mehr.“ Maria bekommt feuchte Augen bei der Antwort. Julius ist einer unserer besten Freunde. Er ist ein Schulkamerad von Edmund. Sie haben auch zusammen studiert.

Tag sechsundzwanzig

Diese Nacht war für mich eindeutig zu kurz als mich Joana mit Kaffee weckt. Ich erzähle ihr von Gestern. Auch, dass der Chef und Marco noch auf die Gäste gewartet haben als ich ankam. Joana hat schon Alles gesehen und auch schon mit der Lobby angefangen. Ich hab ihr gesagt, dass die Fahrt nicht zu schlimm war und ich Umwege gefahren bin. Joana muss gleich wieder los zur Arbeit und uns bleibt keine Zeit, etwas zu schwätzen. Zimmermädchen haben Arbeitszeiten, die mit denen von Bäckern vergleichbar sind, während wir Köche bis spät in die Nacht buckeln. Dadurch sehen wir uns relativ selten und meist viel zu kurz. Ein Familienleben mit Kindern wäre bei uns ausgeschlossen. Unser Kinder müssten praktisch fast erwachsen oder zumindest, selbstversorgend sein. Im Grunde lehnen wir es auch ab, Kinder in dieses Elend und in dieses System zu setzen. Sie würden allerhöchstens an irgendeiner Hungertheke oder in einem Krieg enden bei den gewissenlosen, kriminellen Regierungen im Kapitalismus. Wir wollen das Kindern nicht antun.

Als Kinder und Jugendliche konnten wir in der DDR, ohne Probleme, abends durch die Stadt laufen oder in eine Disco gehen. Wir wurden nicht von Menschen-, Drogen- und Organhändlern entführt oder sexuell missbraucht. Als Kind bin ich mal einhundert Kilometer weit getrampt und Keinen, außer meine Eltern, hat das wirklich ernsthaft interessiert. Im Gegenteil. Meine Fahrer waren eher hilfsbereit und fragten mich, wohin ich möchte. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, meine Kinder könnten heute das Gleiche tun wie ich. Schon gar nicht als Mädchen. Wir konnten mit vierzehn Jahren in einen Campingurlaub ohne Eltern fahren oder uns von unseren Eltern oder Nachbarn dahin bringen lassen. Heute ist das undenkbar. Die Kinder tun mir nur leid, die in so einem System aufwachsen. Die Kinder wachsen jetzt schon als Gefangene auf.

Unser Auto ist fast schneefrei. In der Nacht hat es nicht weiter geschneit, nachdem ich angekommen war. Es ist lediglich etwas kühler geworden. Ich rechne mit glatten Straßen den Reschen abwärts. Das Auto ist schnell warm. Schon an der Hauptstraße habe ich eine angenehme Temperatur drinnen. Auf der Hauptstraße herrscht immer noch oder schon wieder, reger Verkehr in beide Richtungen. Aus der italienischen Richtung kommen mehrheitlich italienische Touristen, während aus der österreichischen Richtung, deutsche, holländische und österreichische Fahrzeuge kommen. Mir scheint, die Holländer wären in der Mehrzahl. Alfred erwartet auch mehrheitlich, holländische Gäste. Der Straßendienst hat reichlich gesalzen und damit die Straßen eisfrei bekommen. Den Reschen herunter ist mir das schon recht so. Zumindest, bei dem Kurven schneidenden Gegenverkehr. Auf der rechten Straßenseite am Fels, liegen oft Schnee- und Steinabwürfe. Sozusagen, Minilawinen und zudem die Schneewälle des Winterdienstes. Die Abfahrt ist dadurch, hochgefährlich. Der mir entgegen kommende Verkehr wird von Fahrern gelenkt, die bereits mehrere hundert Kilometer oder mehr als zehn Stunden Fahrzeit hinter sich haben. Mir wird immer etwas mulmig dabei. Deren Reaktion und Lenkverhalten sind eigentlich untragbar für den Verkehr in alpinen Gegenden. Das erklärt auch die unglaublich vielen Unfälle in dem Zusammenhang. Eigentlich ließe sich der alpine Verkehr mit einem Pendelbusverkehr bewältigen. Die Touristen könnten dabei aber nicht den halben Garageninhalt auf ihrem Dachgepäckträger mitführten. Bei den Unfällen auf den Landstraßen bekommen wir diesen unglaublichen Müll zu Gesicht.

Es gab mal eine Zeit, da ist man mit einem Koffer verreist und hat vor Ort das gemietet, was zeitweise benutzt werden sollte. Zumal man dabei stets das Modernste benutzen konnte. In Zeiten des privat- und öffentlich, lautstark bebellten Pseudoumweltschutzes, verteilt sich der Müll einfach zeitweise auf die Keller und Garagen der einzelnen Haushalte. Dabei fühlt sich Jeder so richtig als Umweltschützer. Das ist eine dumme Großmaulkultur ein Reinform.

Endlich bin ich unten in Pfunds, wo die Straße etwas breiter wird. Richtung Samnaun steht der gesamte Verkehr wie in Richtung Reschen. Die Tiroler Polizei steht auf manchem Parkplatz und regelt den Verkehr in alle Richtungen. Ich habe freie Fahrt bis auf die Stellen, an denen Unfälle statt fanden. Bis Prutz waren es sieben. Meist an irgendwelchen Ab- und Einfahrten. Mir scheint, die Touristen aus einem Land, verstehen sich untereinander nicht mal beim Einfädeln. Dabei ist das umsetzen des Reißverschlusssystems, die Pflicht für jeden Verkehrsteilnehmer. Offensichtlich bringen es die vier Meter Vorsprung zum vermeintlich Ausgebremsten. Das ist wahrscheinlich der Sexersatz für hochverschuldete SUVfahrer.

In Richtung Kaunertal ist der Verkehr übersichtlich. Es gibt vorerst keinen Stau. In der Gegend, Höhe Kauns, ist eine Lawine abgegangen, die gerade geräumt wird. Das gibt einen kleinen Stau, der sich recht schnell auflöst. Der Kaunertaler Straßendienst scheint da schon Routine und auch die dafür nötige Technik zu haben.

So gegen elf Uhr bin ich heute schon da. Ich gehe in den unteren Betrieb zu meinen türkischen Kollegen. Die wundern sich über mein zeitiges Erscheinen und machen ihre Scherze wegen meiner Fahrroutine im Lawinengebiet. Eigentlich kann ich in schneereichen Gebirgsgebieten recht gut fahren. Nicht so routiniert und gut wie die Bewohner von Almen oder Pässen; aber es reicht zumindest, um relativ pünktlich, meine jeweiligen Winterarbeitsstellen zu erreichen.

Zusammen mit der Fahrzeit, bin ich im Winter allgemein, neben meinem Zwölfstundendienst, zwischen zwei und drei Stunden auf dem Arbeitsweg. Gerechnet in einer Sechstagewoche, sind das in etwa neunzig Stunden, die ich allein für eine Arbeit unterwegs bin. Besonders schlimm zeigt sich das, wenn man zu Zweit als Paar oder befreundet in Saison arbeitet. Ein Zimmermädchen arbeitet von früh bis Nachmittag. Oft ist auch ein geteilter Dienst fällig, wenn zum Beispiel noch aufgedeckt wird. Aufdecken ist praktisch das Garnieren des Bettes. Manchmal werden Pralinen oder Leckereien auf das Kopfkissen gelegt. Meist wird nur das Bett zurückgeschlagen oder eine Decke vom Federbett entfernt. Dazu wird überprüft, ob das Bad noch in Ordnung ist oder Bestandteile fehlen und ersetzt werden müssen. Entfällt das Aufdecken, sitzt das Zimmermädchen allein im Fremdenzimmer und wartet auf ihren Partner oder auf Freunde. Die Familie und das Zuhause fehlen.

Wenn ich so zeitig auf Arbeit bin, kann ich das Menü komplett oben in der Küche kochen. Es sind nur die Rohstoffe mitzuführen und darauf zu achten, nichts zu vergessen. Ich schaue auf den Menüplan und der ist für die Dependance recht übersichtlich:

Kürbiscremesuppe

Käsespätzle

Rindsroulade im eigenen Saft an Kartoffelknödel und Apfelrotkohl

Schokoladeneis auf Ananaskonfit

Rolf kommt in die Küche und sagt mir, bei mir sind sechs Anreisen, die das Menü mit essen. Normal müsste ich ihnen ein Wahlmenü anbieten und zubereiten. Wegen der Gruppe und wegen dem Feiertag entfällt das. Sonntags und feiertags wird bei Rolf ein Galamenü serviert. Das ist die beste Gelegenheit, mich mal meinen türkischen Kollegen vorzustellen.

Der Chefkoch stellt sich mit Ali vor und sein Stellvertreter mit Abti. Ich sage ihnen meinen Namen. Bei dem Plausch kommen auch einige Einzelheiten heraus, die mir Rolf nie gesagt hat. An meinem freien Tag vertritt mich oben, Abti. Am freien Tag von Ali vertrete ich ihn Unten und Abti ist Oben. Wenn Abti frei hat, helfe ich Ali, sozusagen als zweiter Koch. Nach der Zubereitung gehe ich dann mit dem fertigen Essen in die Zweigstelle. Im Grunde klingt das recht überzeugend und ich sehe keine Probleme mit meinen freundlichen Kollegen. Zunächst frage ich Ali, wo ich das Rouladenfleisch finde. Er sagt mir, es liegt für mich in der Gefrierzelle. Abti rennt sofort los und holt mir das Fleisch. Er kommt mit zwei Stück, fertig parierter, Oberschale wieder, die er richtig österreichisch, Kaiserteil nennt. Die Stücke sind fachlich so gut pariert, dass ich sie nach ganz kurzem Auftauen, ohne Verluste, direkt mit der Maschine schneiden kann. Die Kollegen haben das selbst eingefroren. Das Fleisch ist deshalb nicht zu steif und kann schnell verarbeitet werden. Ich danke meinen Kollegen dafür und sie schauen sich untereinander schmunzelnd an. „Ist das recht so, Meister?“, fragt mich Ali. Rolf hat ihm wahrscheinlich gesagt, ich wäre Meisterkoch und er zeugt mir dafür einen ehrlichen Respekt. Viele meiner Chefs und Kollegen erfüllt das mit einem gewissen Neid, der mitunter in einer Art, Böswilligkeit zum Ausdruck kommt. Die Böswilligkeit hat mitunter Ausmaße, die mit der Kriegspolitik der USA und ihrer Vasallen verglichen werden können. Man wird tagtäglich mit Beleidigungen, Erpressungen und Erniedrigungen konfrontiert. Irgendwie scheint das der Umgang von nichtarbeitenden Ausbeutern zu sein, die so ihre Faulheit und Unfähigkeit ausdrücken. Meist wird diese Lebensart, ausgerechnet von den Erben der Geschäftsgründer, zelebriert, die sehr oft, auf Kosten ihrer Eltern, Rechtswissenschaften studierten. So wird selbst das Recht zur Hure degradiert.

Der Wasserfall von Partschins

Das Angebot lässt Rolf nachdenken. Er diskutiert mit Andreas und Sieglinde die halbe Nacht. Bis zum Einschlafen.
Beim Frühstück fragt Marianne noch einmal nach. Friedl ist neugierig. Pawel auch. Anuschka nickt Rolf zu. Jetzt fühlen sich Andreas und Rolf etwas unter Druck gesetzt. Sieglinde nicht.
„Ich würde sofort hier bleiben.“
Das ist wahrscheinlich der letzte Ruck, der Rolf gefehlt hat.
„Die Mehrheit siegt“, sagt er lächelnd. Andreas beugt sich schnell. Er muss nicht lange überredet werden. Marianne und ihre Gehilfen überzeugen schnell mit ihrer Freundlichkeit.
„Ich bin gelernte Köchin“, sagt Sieglinde. Marianne fällt ein Stein vom Herzen.
„Ich habe nach der Wende mit diesem Beruf aufgehört. Die Westdeutschen wollten den Beruf bei uns nicht gut bezahlen.“
Pawel schüttelt den Kopf. Er kann das nicht verstehen. Er weiß aber zu gut, was er in deren Betrieben verdiente. Das reichte nicht mal für die Miete. Anuschka wollte fast schon auf den Strich gehen. Pawel hat ihr das verboten. Sie haben gepackt und weiter gesucht. Wochenlang haben sie von trocken Brot gelebt. Sie konnten nur bei guten Freunden zur Untermiete leben. Auch die, hat Anuschka mit Naturalien bedient.
Pawel hat als Erntehelfer gearbeitet. Das brachte endlich den Durchbruch. Die harte Arbeit wurde ihm in Italien recht gut bezahlt. Ohne ihm die Übernachtungskosten und die Verpflegung abzuziehen. Bei seiner Arbeit lernte er Gustl und Marianne kennen.
„Koche uns doch mal eine Probe“, fordert er Sieglinde heraus. Marianne unterstützt den Wunsch mit Scherzen.
„Hast du in der DDR – Fleisch kochen gelernt?“
„Ja schon. Etwas. Unsere Schnitzel waren nicht so hauchdünn wie die hiesigen.“
Alle lachen. Pawel bestätigt das.
„Wir haben in der DDR immer gut gegessen. Auch sehr preiswert.“
Marianne wird neugierig.
„Ich habe ein paar Haxen von Spanferkel im Haus.“
Die hatte Gustl bestellt. Er wollte seinen Gästen etwas Besonders kochen. Die haben bei ihm Haxen bestellt. Wahrscheinlich die großen.
Gustl scherzte am Tisch seiner Gäste gern.
„Junge Schweine gehören in den Topf. Alte Schweine in die Wirtschaft“, war sein Leitspruch.
Die meisten seiner Gäste kamen schon immer aus Italien. Und die lobten seine Art zu kochen.
Friedl ist sehr glücklich bei der Ankündigung Sieglindes. Endlich muss er nicht mehr in die Küche, um Pawel und Anuschka zu helfen. Marianne setzt sehr viel Hoffnung in Sieglinde und Andreas.
„Ich habe im Keller eine Winde. Der Motor ist kaputt. Ich bring das nicht hin.“
Andreas will den Motor sehen. Pawel zeigt ihn Andreas.
„Das ist ein Kinderspiel. Den kann sogar Rolf reparieren.“
Rolf protestiert lautstark.
„Na hör mal. Die meisten Motoren habe ich gebaut. Nicht du.“
Andreas gibt ihm etwas kleinlaut, Recht.
„Er hat bei Julius das Lager geführt.“
Im Lager hat Rolf die ausgebauten Teile gegen neue ersetzt. Die alten Teile hat er oft repariert.
Julius hat die Teile guten Kunden preiswert anbieten können.
Sieglinde hat die Haxen gekocht.
„Du bist eingestellt“, sagt Friedl ganz kurz. Marianne ergänzt noch die Einstellung um Rolf und Andreas. Von den Gästen gibt es reichlich Lob. Marianne bedauert sogar, nur einen Karton davon zu haben.
Aus de Krankenhaus kommen keine guten Nachrichten. Beate wird Rollstuhlfahrerin. Die Spekulation der Arztes hat sich als Tatsache heraus gestellt. Außerdem muss sie ein Stützkorsett für die Wirbelsäule tragen. Rolf muss weinen. Mit Beate hat er manches Schäferstündchen verbracht. Er kann die Enttäuschung kaum verarbeiten. Erst der Verlust Karins und dann das. Das Alles für eine überhebliche Dummheit. Vier junge Leben verloren. Die Vier waren nicht unbedingt seine Freunde. Er wurde oft schikaniert von ihnen. Er fragt sich, ob das vielleicht die Rache Gottes ist.
Maria schaute ihn schon bei der letzten Begegnung im Krankenhaus unfreundlich an. Fast böse. Vorwurfsvoll. Eigentlich ist er jetzt froh, dort abgeschlossen zu haben. Eine gute Zukunft hat er dort nicht erwartet. Pawel, Anuschka und die neue Aufgabe werden ihn heilen. Er nimmt sich vor, nie wieder an Bergen zu klettern.

Der Wasserfall von Partschins

Günter wird zukünftig wahrscheinlich mit einem künstlichen Hüftgelenk auskommen müssen. Das bringt erhebliche Einschränkungen mit sich.

Vor allem, für einen jungen Menschen wie Günter. Karin kann ihm jedenfalls nicht mehr helfen. Wenn es Beate schafft, wird ihr Werner fehlen. Vielleicht können sich Günter und Beate untereinander beistehen. Sie kennen jedenfalls die Ursache ihrer Verletzung. Beates Verletzung wird sie wahrscheinlich in einen Rollstuhl zwingen.

Gloria und Maria sind im Ort geblieben. Sie fahren täglich ins Krankenhaus nach Meran. Beate scheint sich zu erholen. Langsam wird ihr klar, sie wird behindert sein und bleiben. Nikolaus steht bei ihr am Bett. Er soll ihr schonend ihre Situation beibringen. Er bekommt feuchte Augen dabei. Trotzdem er sehr viel gewohnt ist. Das Mädchen tut ihm sehr leid. Nikolaus pendelt laufend zwischen Beate und Günter. Er versucht, die Beiden zu informieren. Deren Mütter versuchen das auch. Bisher konfrontieren sie die Zwei nicht mit der Wahrheit. Sie befürchten tragische Reaktionen.

Eigentlich wollen sie heraus finden, ob das Gehirn – Schaden genommen hat. Nikolaus versucht zu erfahren, ob sich Günter und Beate an Alles erinnern können. Bei Beate ist er sich nicht sicher. Ihr fehlen ein paar Passagen. Günter weiß Alles. Er zeigt tiefe Reue. Nur vom Tod seiner Kollegen weiß er nichts. Er glaubt, sie sind verletzt wie er.

Rolf sitzt oft bei ihm. Er erkennt Rolf. Beate erkennt Rolf auch.

Rolfs Eltern kommen bei Marianne an.

„Wir können nicht lange bleiben. Edmund hat mir nur vier Tage gegeben“, sagt Andreas. „Wir haben im Moment viel Arbeit.“

Andreas und Sieglinde begrüßen Maria. Sie bringen auch Sachen von Edmund für Maria mit. Andreas ist heilfroh als er Rolf sieht.

„Willst du gleich mit nach Hause fahren?“

Rolf schaut vor die Haustür. Der Wartburg steht dort. Frisch gespritzt, in einer neuen Farbe.

„Ich habe euch gar nicht erkannt.“

„Wir haben das Auto frisch gespritzt.“

Andreas ist ein altmodischer Kauz, sagen seine Kollegen. Statt einem modernen, fährt er stur seinen Wartburg. Den hat er sich zur Wendezeit geleistet. Preiswert. Viele haben ihre DDRAutos verkauft. Seinen hat er vom Nachbarn. Der hatte wenig Kilometer auf dem Tacho. Andreas muss oft lachen.

„Der war schon vier Mal in der Werkstatt. Ich noch nicht.“

„Du fährst ja auch wie eine Schnecke“, stöhnt Sieglinde.

„Da kannst du besser schlafen“, lacht Andreas zurück.

„Andreas fährt nicht schneller als Einhundert und Zwanzig“, entschuldigt sich Sieglinde. „Wir wollten eigentlich schon gestern hier sein.“

Marianne schaut ins Buch. Das stimmt.

„Schneller als Einhundert und Zwanzig darf man so und so nirgends fahren.“ Marianne lacht dabei. „Es sei denn, sie sind reich.“

„In der Kirche ist noch ein Gottesdienst für die Opfer“, sagt Rolf zu seinen Eltern. Eigentlich sind sie Atheisten. „Den möchte ich gerne miterleben.“

„Dahin gehen wir zusammen.“

„Marianne, unsere Wirtin, hat bei der Rettung ihren Mann verloren. Viele Ortsbewohner haben Schäden erlitten.“

„Wie können wir helfen?“, fragt Andreas.

„Wir müssen erfahren, ob Werner mich und die gesamte Seilschaft mit versichert hat.“

„Fragen wir doch einfach die Eltern.“

„Die Väter sind schon nach Hause. Die Mütter sind noch hier. Sie bleiben.“

Marianne mischt sich ein.

„Wir haben auf den Zimmern schon nach Policen gesucht. Leider haben wir nichts gefunden.“

„Wir haben bei unseren Gastgebern erheblichen Schaden angerichtet“, entschuldigt sich Rolf.

„Aber du wolltest doch gar nicht mitgehen“, entgegnet Sieglinde.

„Ich bin mit gegangen und konnte sie nicht abhalten.“

„Wäre ich in der Nähe gewesen, ich hätte es verhindert“, sagt Andreas. „Wenn die einen Erfolg hatten, wollen sie immer mehr. Immer gefährlicher. Immer gewagter.“

„Ja. Aber Menschen sind so“, stöhnt Sieglinde.

„Nein“, schimpft Andres. „Verrückte sind so! Als Nächstes wäre wohl der Salto Angel fällig gewesen?“

Rolf überlegt.

„Von dem haben sie tatsächlich auch mal gesprochen.“

Andreas schüttel den Kopf.

„Fehlt nur noch der Niagara.“

Rolf spürt, er ist mit Gestörten unterwegs gewesen. Und die Eltern haben das großzügig bezahlt. Jetzt beklagen sie sich und schieben ihm die Schuld zu.

„Ich glaube, du kannst dort nicht mehr arbeiten. Wir suchen uns zu Hause etwas Neues.“

„Die gleichen Typen sind auch bei uns die Arbeitgeber“, entgegnet Rolf. „Wir müssten komplett das Land verlassen.“

„Bleibt doch bei uns“, bietet Marianne an.

Keiner hat mit so einer großzügigen Geste gerechnet. Andreas kennt sie Geste eher von Russen und seinen ehemaligen Genossen. Hier hätte er sie nie vermutet.

„Vorerst sind wir da“, antwortet er.

Marianne freut sich ohne ein Lächeln. Sie versteht die Skepsis teilweise.